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Obwohl Psychologen und Neurowissenschaftler bestätigen, dass Bewegung einen positiven Einfluss auf das Lernen hat, wird von Kindern oftmals verlangt, dabei zu sitzen. Unser Kolumnist Michael Berger hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Der Drang nach Bewegung ist tief im Menschen verankert. Die Bewegung wird bereits von kleinen Kindern als Mittel benutzt, um die Welt zu erfahren und dadurch Erkenntnisse zu gewinnen. Sie lernen, während sie unterwegs sind, Dinge anfassen und ausprobieren, welche Reaktionen sie damit auslösen. Bei Kleinkindern ist uns dieses Lernverhalten bewusst, weshalb wir darauf achten, es zu ermöglichen. Wir räumen dieser Lernform genügend Zeit und Raum ein, da wir wissen, wie wichtig und nachhaltig diese Form des Lernens ist. Wir akzeptieren sogar einen erhöhten Lärmpegel, weil wir wissen, dass dies dazugehört.

Zum Sitzen erzogen

Je älter die Kinder werden, desto mehr verändern wir unsere Erwartungen. Plötzlich sollte das Kind ruhig sitzen können und sich konzentriert beschäftigen. Dies gilt gesellschaftlich als Zeichen für Reife und eine gute Erziehung. Wir wenden uns also bereits nach den ersten vier bis fünf Lebensjahren vom freien, erkundenden und bewegten Lernen ab und erziehen unsere Kinder zum Sitzen und Denken. Diese Beobachtung mache ich nicht nur bei Eltern, die mit Kindern lernen, sondern auch in der Schule. Sitzen und ruhig sein gilt auch dort als Qualität, es wird als Zeichen der Konzentration wahrgenommen. Einzig der Kindergarten schafft es, in freien und auch bewegten Sequenzen zu unterrichten.

Weshalb verschwindet diese Lernform danach? Die Ziele werden ja auch im Kindergarten mit der beschriebenen Unterrichtsform erreicht und die Freude am Unterricht ist in tieferen Stufen deutlich höher als später. In der Primarschule sind die bewegten Pausen noch verbreitet und auch das handelnde Lernen wird oftmals angewandt. An der Oberstufe verschwinden diese Lernformen fast gänzlich und in weiterführenden Schulen sucht man die Bewegung sowie das handelnde Lernen meist vergebens. Je höher also die Schulstufe bzw. das Bildungsniveau wird, desto häufiger verschwindet diese Lernform.

Ruhe ist unnatürlich

Gibt es einen Grund, der gegen die Bewegung spricht? Oftmals wird Lärm genannt. Viele können und wollen nicht mit einem gesteigerten Lärmpegel umgehen. Dabei ist eine gewisse Lautstärke völlig normal, es ist doch eher die Ruhe, welche unnatürlich ist. Oder haben Sie schon mal 20 Kinder in einer Gruppe gesehen, in einem beliebigen Alter, welche ruhig sind und an ihrem Platz sitzen? Ich zum Glück nicht und das finde ich auch gut so.

Ein weiterer Grund ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Ruhige, sitzende Kinder kann man gut kontrollieren. Sind die Lernenden in Bewegung, wird es schwieriger. Das gilt für die Schule und das Zuhause. Aber müssen wir immer alles kontrollieren? Wie gerne werden Sie selbst kontrolliert?

Hinzu kommt der Bildungsdruck, der mit jeder weiteren Stufe steigt. Auch ich musste erfahren, dass es immer  schwieriger wird, Bewegung und handelndes Lernen einzuplanen und gleichzeitig den Lehrplan zu erfüllen, je höher die Stufe ist. Da die Schule neben der Bildung auch sonst immer mehr Aufgaben erhält, wird die Zeit immer knapper und dies oft auf Kosten der Bewegung und dem erlebenden, handelnden Lernen. Zu Hause können Sie das zum Glück auffangen, was ich Ihnen auch empfehle.

Lernen wird plötzlich lustvoll

Jedes Mal, wenn ich die Bewegung und handelndes Lernen im Unterricht eingeplant und durchgeführt habe, egal auf welcher Stufe und in welchem Umfang, habe ich immer wieder fasziniert die positiven Aspekte beobachtet. Lernen wird plötzlich lustvoll, was selbst die Lernenden überrascht. Deshalb möchte ich Mut machen, Bewegung einzusetzen. Aus meiner Sicht ist es schade, dass die Kinder einen Grossteil ihrer Lernzeit sitzen müssen und dass dadurch Kinder mit etwas mehr Bewegungsdrang (wie zum Beispiel Kinder mit ADHS und häufig auch Jungs) in ein negatives Licht rücken. Diese Kinder werden getadelt und oftmals bestraft für ihr aus meiner Sicht natürliches Verhalten. Bewegtes, handelndes Lernen ist eine tolle Alternative, um dieser Schwierigkeit präventiv zu begegnen. Gerade zu Hause sind die Möglichkeiten sehr vielseitig und die Kinderzahl ist meistens auch nicht so hoch wie im Klassenzimmer.

Wissenschaftlich belegte Argumente

Die Wissenschaft beschäftigt sich auch mit bewegtem Lernen und hat einige Thesen aufgestellt, die aus meiner Sicht nachvollziehbar sind. Zum Beispiel sieht die Psychologie  in der Bewegung eine Förderung der Lernfähigkeit. Die Wahrnehmung und Motivation werden gesteigert, was zu erhöhter Konzentration führt. Dadurch gelingt das Lernen besser. Die Neurowissenschaft begründet den Nutzen mit der verbesserten Durchblutung des Gehirns, was wiederum eine gute Voraussetzung für das Lernen darstellt. Es konnte sogar beobachtet werden, dass bei Kindern mit «Lernstörungen» durch Bewegung kleine Wunder bewirkt werden können. Die spielerische Atmosphäre machte neugierig und erleichterte das Lernen.

Es gibt auch Therapieformen, welche mit Bewegung arbeiten. An den Schulen ist besonders die Psychomotorik verankert, bei welcher der bewegte Körper im Zentrum steht. Es geht bei dieser Therapieform um ein harmonisches Gleichgewicht der Körper- und Gefühlsebene.

Auch viele Heilpädagogen greifen auf die Bewegung und handelndes Lernen zurück in der täglichen Arbeit, da sich tolle Ergebnisse erzielen lassen. Ich persönlich sehe die Bewegung als unterstützendes Element, welches vielfältige Kompetenzen fördert und deshalb ein Gewinn ist.

Tipps für Eltern:

  • Schaffen Sie eine Umgebung, welche Bewegung zulässt.
  • Beginnen Sie mit der Bewegung als Spiel. Ihr Kind sollte zuerst ausprobieren dürfen, bevor die Bewegung an eine Aufgabe geknüpft wird.
  • Achten Sie darauf, dass es möglich bleibt, zur Ruhe zu kommen. Das muss oftmals eingeübt werden.
  • Seien Sie zu Beginn geduldig, es wird sich auszahlen. ++

Michael Berger arbeitete als Schulischer Heilpädagoge und ist als Lernberater tätig. Zudem unterstützt er Eltern und Lehrpersonen rund um das Thema Lernen wie auch im sonderpädagogischen Bereich mit seiner Plattform www.gezielt-lernen.ch

Text: Michael Berger
Bild: Schutterstock

By No Comment 18. September 2020

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