«Entweder wissen sie alles besser oder sie halten sich komplett raus»

Christine Weiner ist an der Hochschule Mannheim als Dozentin und Coach tätig. Ihr aktuelles Buch «Erzähl doch mal von dir!» soll Erwachsenen dabei helfen, auf Augenhöhe mit Kindern zu kommunizieren. Weshalb Erwachsene-Kind-Gespräche schwierig sein können, verrät die ehemalige Erzieherin und Heilpädagogin im Interview.
Christine Weiner, an wen richtet sich «Erzähl doch mal von dir!»?

Im Grunde an jeden, der sich dafür entscheidet, einfühlsam, reflektierend, besonnen und wohlwollend mit Kindern zu kommunizieren. Sich als Coach zu verstehen bedeutet, eine andere Denk- und Erfahrenswelt zu respektieren und erst einmal vorurteilsfrei auf diese zu reagieren. Ein Coach stellt seine Ansichten nicht über diejenigen des Kindes, sondern ist an der besten Lösung interessiert. Und diese mag ganz anders aussehen als angenommen. Diese Freiheit in der Kommunikation ermöglicht Sicherheit und aufrichtige Hinwendung, die bei Kindern wie ein Signal wirken, sich zu öffnen.

Ist es denn schwierig, mit Kindern zu sprechen?

Nein, aber Erwachsene machen es schwierig. Sie reden nur zu gerne auf Kinder ein, über deren Köpfe hinweg. Entweder wissen sie alles besser oder sie halten sich komplett raus, weil sie keine wirkliche Position beziehen wollen. Begibt man sich hingegen auf spürbare Augenhöhe, ist man präsent und mit den Gedanken beim Gespräch, dann fällt der Kontakt mit Kindern leicht. Kinderleicht sogar!

Inwiefern profitiert das Kind?

Im Kontakt mit einem Erwachsenen kann ein Kind lernen, sich selbst wieder mehr zu spüren und zu achten. Es erinnert sich wieder daran, was es alles kann – auch in der Kommunikation. Das nennt man Resilienz. Resiliente Menschen können mit den Schwierigkeiten des Lebens umgehen und geben nicht einfach auf. Und jede noch so kleine, bewusste Erfahrung erweitert dieses Gefühl von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Wir dürfen Kinder mittels Erfahrung, Zeit und Einfühlsamkeit bei ihrem inneren und gelebten Wachstum unterstützen. Ein beglückendes Geschenk, auch für uns Erwachsene.

Wie kamen Sie dazu, Ihr Wissen in Form von Büchern weiterzugeben?

Ich habe mit neun Jahren erleben dürfen, wie schön es ist, zu schreiben. Mit geschriebenen Worten denkt es sich besser als einzig mit dem Kopf. Diese Erkenntnis aus dem Nichts, dieser kleine Durchbruch damals, war eine blitzartige Erfahrung, die mich heute noch immer glücklich macht. Seitdem schreibe ich. Und da die Welt bunt, vielfältig, widersprüchlich und wundersam ist, fällt mir auch immer etwas auf, über das ich gerne schreibend nachdenke.

Was lesen Sie privat gerne?

Ich lese sehr gerne die Tagebücher von Johann Wolfgang von Goethe – wirklich echt und wahr. Oder seine Briefe, darunter natürlich auch diejenigen über seine Reise in die Schweiz. Und da ich alte Kinderbücher sammle, lese ich die natürlich auch. Zudem entzücken mich Frauenratgeber aus den Fünfzigerjahren. Ich liebe Pünktchen und Anton von Erich Kästner und lese gerne Biografien. Astrid Lindgren hatte ein solch besonderes Leben, aber auch Johanna Spyri und Max Kruse, Autor von «Urmel aus dem Eis» und Sohn der berühmten Käthe Kruse.

Bei dem bunten Mix haben Sie bestimmt schon die Inspiration für Ihr nächstes Buch gefunden.

Oh, nein. Ich mache gerade Schreibdiät und werde mich irgendwann vermutlich mit einem Riesenhunger wieder auf die Buchstaben stürzen. Wenn ich daran denke, dann spüre ich jetzt schon so etwas wie einen Jo-Jo-Effekt. Womöglich werden meine Bücher immer dicker?

 

Christine Weiner hat bereits mehr als 20 Bücher geschrieben

Buchtipp:

«Erzähl doch mal von dir!» gibt Erwachsenen viele Anregungen, wie sie Gespräche mit Kindern initiieren, verflüssigen und vertiefen können. Zum Praxisbuch gehören 55 Impulskarten für die Gesprächsführung sowie 20 Sternchenkarten, die Kindern helfen sollen, ihre Gefühle ohne viele Worte auszudrücken. Die Autorin Christine Weiner (1960) studierte BWL und Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen und bildete sich im Mentoring-Bereich weiter. Die ehemalige Erzieherin und Heilpädagogin arbeitet heute an der Hochschule Mannheim als Dozentin und Coach.

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