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Viele Eltern dürften schon einmal in gewisser Weise von einem Bild irritiert gewesen sein, dass ihr Kind gemalt hat. Aber: «Kinderbilder sollten nie losgelöst und isoliert vom gesamten Malprozess betrachtet werden. Dieser ist wesentlicher als der Inhalt einzelner Darstellungen», so die Zürcher Maltherapeutin Alexandra Gysling.

Alexandra Gysling, um was geht es bei einer Maltherapie für Kinder in erster Linie? Sollen innere Ängste nach aussen getragen werden?

Es gibt unterschiedliche maltherapeutische Methoden. Ich arbeite mit der Methode des begleiteten Malens, der personenorientierten Maltherapie, die von Dr. phil. Bettina Egger aus dem Ausdrucksmalen nach Arno Stern entwickelt wurde.

Grundsätzlich geht es darum, dass Kinder in einem wertfreien Rahmen ihrer Innenwelt nonverbal Ausdruck verleihen können – insbesondere, wenn Worte nicht ausreichen, fehlen oder nur schwer zu finden sind. Erlebtes kann dadurch verarbeitet, Schwierigkeiten und Belastungen besser bewältigt werden. Das begleitete Malen unterstützt die ganzheitliche Entwicklung des Kindes und sorgt für die Erhaltung der Gesundheit und Stärkung der seelischen Widerstandskraft. Der Fokus liegt auf den individuellen Qualitäten und Ressourcen des Kindes und nicht auf seinen Defiziten.

Welche Bereiche der Kinder werden durch das begleitete Malen in erster Linie gefördert?

Weil es das allgemeine Wohlbefinden fördert und die Persönlichkeit stärkt, kommen viele Kinder auch ohne therapeutisches Anliegen in eine Malgruppe. Niemand wird hier kritisiert, bewertet und verglichen – jedes Kind kann sich unbeschwert ausdrücken, seine eigene Bildsprache entwickeln und Vertrauen in seine Fähigkeiten finden. Durch die freie Motivwahl wird die Fantasie angeregt und gleichzeitig Ausdauer, Wahrnehmung, Konzentration und nebenbei die Feinmotorik trainiert.

Die Kinder erfahren Selbstwirksamkeit, lernen aus sich heraus Entscheidungen zu treffen und erfinderisch Lösungen zu kreieren, was ihre Selbstständigkeit und Eigenverantwortung fördert. Was während des kreativen Prozesses erlebt wurde, überträgt sich zunehmend auf andere Lebensbereiche der Kinder und integriert sich in ihren Alltag. Es stellt sich Ausgeglichenheit und eine erhöhte Frustrationstoleranz ein, schulische Herausforderungen können gelassener angegangen werden.

Das Malen in der geborgenen Atmosphäre bildet zudem einen wichtigen Ausgleich zur Hektik und Reizüberflutung des heutigen Lebens, um zu mehr Ruhe und Entspannung zu finden. Es eröffnet Kindern sinnliche Ausdrucksmöglichkeiten, die ihnen in unserer hochentwickelten Welt durch die Digitalisierung immer mehr abhandenkommen.

Werden die Ergebnisse in irgendeiner Form psychologisch interpretiert?

Nein, die entstandenen Bilder werden weder nach ästhetischen Kriterien korrigiert noch psychologisch gedeutet oder interpretiert. Es gibt auch keine verborgenen Symboliken darin zu entschlüsseln oder versteckte Informationen abzulesen, die nur einer Maltherapeutin ersichtlich wären.

Kinderbilder sollten nie losgelöst und isoliert vom gesamten Malprozess betrachtet werden. Dieser ist wesentlicher als der Inhalt einzelner Darstellungen. Das bedeutet, dass ich vielmehr darauf achte, wie etwas gemalt wird und was dazu gesagt wird – mit Worten oder mit nonverbalen Reaktionen und Empfindungen. Ich begleite das Kind achtsam in der Entwicklung seines Bildes durch aktives Zuhören, Spiegeln und offene Fragestellungen.

Was raten Sie Eltern, die die Kreativität ihrer Kinder optimal unterstützen wollen?

Zuallererst sollte Kreativität als prozessorientierte Aktivität verstanden werden, bei der nicht ein Ergebnis, ein Kunstwerk oder eine besondere Leistung im Vordergrund steht.

Kinder brauchen Zeit und Raum, um sich ungestört dem hingeben zu können, was ihrer Inspiration und Spontaneität entspringt. Wir sollten niemals in das Malgeschehen eingreifen oder am Bild herumkorrigieren – weder mit Worten noch mit Handlungen –, sondern eine Atmosphäre von Respekt und Unbefangenheit schaffen, die dem Kind ermöglicht, seine Ideen zu verwirklichen und eigene Entdeckungen zu machen.

Die Intuition und die Fantasie verkümmern, wenn Kinder meinen, dass sie bestimmte Resultate erreichen, Erwartungen erfüllen oder einem Leistungsanspruch genügen müssen. Es ist auch nicht sinnvoll, Themenvorschläge, Vorgaben oder Aufforderungen zur realistischen Darstellung zu machen. Diese entwickelt sich auf natürliche Art von selbst, in unterschiedlichem Tempo. Kinder brauchen deshalb keine Malanleitungen, Vorlagen, Konzepte und Techniken – all dies hindert die Entfaltung ihrer natürlichen Kreativität und ihren Selbstausdruck.

Darf ich meinem Kind dennoch sagen, wenn mir ein Bild überhaupt nicht gefällt bzw. wenn es mich in irgendeiner Form irritiert?

Kinder sollten in erster Linie für sich malen können, nicht für andere. Kinderbilder müssen nicht «schön» und «richtig» gemalt sein – sie sind Ausdrucksmittel und nicht Kunstwerke. Der angeborene Drang nach Entdecken und die Freuden, Neues zu erfinden, sollten nicht durch Bewertung, Erwartungshaltungen oder unbedachte Äusserungen abgeschwächt werden. Selbst gut gemeinte Kommentare können das Kind beeinflussen und verunsichern, sodass es den Zugang zu den eigenen inneren Bildern verliert und beginnt, nur noch das zu malen, womit es beim Erwachsenen Aufmerksamkeit und Lob erhält. Aber die Kreativität, Selbstständigkeit und Individualität des Kindes wird nicht gefördert, wenn es stereotype Bilder malt, um anderen zu gefallen oder sie zu beeindrucken.

Wenn mich ein Bild sowie die Art und Weise, wie es gemalt wurde, so irritiert, dass ich mir Sorgen mache, kann ich behutsam versuchen, mit offenen Fragen – ohne Kritik und Ablehnung des Gemalten – mehr von der Innenwelt des Kindes zu erfahren.

Ganz grundsätzlich: Muss ich mir als Vater Sorgen machen, wenn mein Kind mehrheitlich düstere Bilder erstellt?

Entscheidend ist, wie es dem Kind dabei geht, nicht, was am Ende auf dem Papier sichtbar ist. Ist sein Gefühlsausdruck gelöst und entspannt, weil es vielleicht gerade irgendeinen Ärger oder Druck loslassen konnte? Oder hat es einfach Freude an dunklen Farben, weil sie einen so herrlichen Kontrast auf dem weissen Papier bilden? Erwachsene empfinden Schwarz auf einem Bild oft negativ, für ein Kind ist es einfach eine von vielen Farben – wenn auch eine kräftige, die am deutlichsten sichtbar ist.

Tauchen bei emotional gesunden Kindern gegenständliche Darstellungen zu Themen wie Gewalt oder Tod auf, sollten daraus keine voreiligen, sorgenvollen Schlüsse gezogen werden. Kinder sind neugierig, sie wollen die Welt mit allen Sinnen erfahren, verstehen und erforschen. Und dazu gehören nicht nur die schönen und angenehmen Dinge. Zudem ist miteinzubeziehen, welche äusseren Bilder das Kind durch Medienkonsum täglich aufnimmt und versucht zu verarbeiten.

Wenn tiefsitzende innere Konflikte oder Belastungen bestehen, werden sich diese nie allein auf einem Bild zeigen, dafür gibt es immer auch andere Anzeichen im alltäglichen Verhalten des Kindes.

 

 

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