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Die Natur ist der grösste Spielplatz für Kinder. Sie ist das vielfältigste «Museum». Sie ist Live-Kino. Und sie ist Schule. Keine Frage: Draussen gibt es vieles zu entdecken. Angeblich sind diese Qualitäten bei Kindern aber immer weniger gefragt. Stimmt das wirklich? Und wenn ja: Was heisst es – und muss man etwas ändern? Eine Spurensuche rund um die Beziehung zwischen Kindern und Natur.

Stubenhocker oder Naturfreak? Kinder, so die landläufige Meinung, gehören an die frische Luft. Und nicht ins Zimmer vor den Computer. Weil das viele Eltern finden, sind ihre Kinder naturgemäss anderer Meinung. Und so wird der Sonntagsausflug in den Wald nicht selten zur auf erzwungenen Übung bei mässiger Begeisterung. Zumindest ab einem gewissen Alter.

Ein Grund ist schon die geschilderte Ausgangslage. Es geht in der Realität (zu) oft um «entweder – oder», um Gut und Böse. Jeder von uns kennt eine Mutter oder einen Vater, der den Fernseher verteufelt, das Handy verbietet und Videogames fürchtet und die aktive Bewegung im Freien als einzig richtiges predigt. Dass digitale Medien und Kommunikationsmittel im Leben jedes Westeuropäers früher oder später eine Rolle spielen und der Umgang damit gelernt sein will, wird dabei ausgeblendet. Leidenschaftlich durch eine Waldschlucht streifen oder einen Bach durchwaten schliesst ja den Konsum von YouTube oder ein Stündchen Nintendo nicht aus. Es ist wie so oft die gesunde Mitte, die gesucht ist.

Seit Generationen ein Thema

Glaubt man der allgemeinen Meinung, ist diese Mitte aber eben nicht mehr gegeben. Jede neue Generation von Kindern, so der Eindruck, hat weniger Bezug zur Natur. Denn sie steht in immer grösserer Konkurrenz zu anderen Angeboten, die oft eine grössere Anziehungskraft ausüben. Indoor-Spielplätze sind keineswegs nur an Regentagen oder im Winter gut besucht. Allerdings hatten vermutlich schon unsere Grosseltern den Eindruck, sie hätten als Kinder noch mehr Zeit im Wald verbracht als ihr Nachwuchs. Es ist also eine Feststellung, die viel mit der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Ansprüchen zu tun hat. Kürzlich erzählte mir meine neunjährige Tochter, sie habe von einem Kind gehört, das erstmals vor einer Kuhwiese stand und die Eltern verwundert fragte, warum die Kühe braun und nicht lila seien. Das Mädchen hatte Kühe bisher nur in Schokoladenwerbung gesehen. Ich fand das gleichzeitig lustig, beunruhigend und seltsam und forschte kurz nach. Wie sich zeigte, kursiert die Geschichte von der verschwundenen lila Kuh seit den 90er-Jahren unter Eltern und Kindern. Es ist eine Wandersage, die möglicherweise ein echtes Ereignis als Grundlage hat, aber seither weitererzählt wird, als wäre es aktuell und das als «Beweis» für die Entfremdung der Natur benutzt wird.

Es gibt inzwischen reihenweise Studien und Befragungen, die untersuchen, wie sich die Beziehung zwischen Kindern und der Natur entwickelt. Man kann sich stundenlang damit befassen, regionale Unterschiede zu erforschen, nach Gründen zu suchen, man kann auch in Panik verfallen, wenn man das möchte. Sinnvoller wäre es wohl, das, was als gesichert gelten kann, zu nehmen und zu stärken. Zum Beispiel die ganz simple Feststellung: Unsere Natur ist wunderschön und wertvoll, und einem Kind tut es gut, sich darin aufzuhalten, sich damit zu beschäftigen.

Sinne werden angeregt

Denn unwidersprochen hat die freie Natur einige Qualitäten, die unübertroffen sind. Die amerikanischen Autoren Robin Moore und Herb Wong gelten als Vordenker, wenn es darum geht, die Natur als «Schulraum» zu verstehen. Bei ihren Untersuchungen heben sie hervor, dass die Aussenumgebung besonders vielfältige Interaktionsmöglichkeiten bereithält. Die Sinne werden angeregt, gleichzeitig aber nicht überstimuliert. Wer sich in einem Computerspiel bewegt, kann viel begrenzter agieren, er folgt einem vorgegebenen Verlauf – und natürlich besteht die Gefahr einer Überstimulation.

Naturfreunde unter den Eltern heben meist andere Dinge hervor, beispielsweise, dass Kinder draussen den Kreislauf der Natur erleben, eine Beziehung zu ihr aufbauen, Tiere und Pflanzen schätzen lernen. Das alles sind natürlich willkommene Auswirkungen. Ingrid Miklitz, die Autorin des Buchs «Der Waldkindergarten», geht aber noch einen Schritt weiter. Laut ihr sorgen die starken sinnlichen Wahrnehmungen «für eine intensive Verankerung des Erlebten im Langzeitgedächtnis». Das bedeutet: Wenn Kinder später in Schulbüchern bestimmte Zusammenhänge erklärt erhalten, können sie einen Bezug herstellen zu dem, was sie selbst gesehen, gehört, gerochen und geschmeckt haben. Lernprozesse erhalten laut Miklitz dadurch eine andere Qualität.

Aufmerksamkeit wecken

Ohnehin ist das «Lernen» in der freien Natur ein ganz anderes als das im Schulzimmer. Zum einen, weil die Kinder dauernd in Bewegung sind, immer wieder neue Beobachtungen machen, Dinge ausprobieren können. Dies in einem Umfeld, das einerseits spannend ist, gleichzeitig aber auch beruhigend. Während Lehrkräfte stets gefordert sind, die Aufmerksamkeit der Kinder zu wecken und aufrechtzuerhalten, schafft das die Natur ganz von allein. Ein Quadratmeter Waldboden lebt mehr als ein ganzes Schulhaus (wobei damit das Leben im Schulhaus keineswegs herabgewürdigt werden soll).

Fachleute sprechen auch von «Transfermöglichkeiten». Der etwas sperrige Begriff umschreibt einen ganz einfachen Prozess: Kinder erleben in der Natur Beispiele für Vorgänge, denen sie später immer wieder begegnen. Geburt und Tod, Zusammengehörigkeit, Wechselwirkungen. Ein Ameisennest birgt all das in sich, und es wird direkt sichtbar. Die Autoren Kathryn Williams und David Harvey haben solche «Transzendenzerfahrungen» im Wald untersucht. Sie gehen davon aus, dass uns die Natur helfen kann, Ereignisse zu verarbeiten und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie zeige uns auf, dass wir ein Teil des Ganzen sind und nicht das alleinige Zentrum.

Viele bleiben unbeeindruckt

Das alles ist beeindruckend – und natürlich auch ein bisschen romantisierend. Denn ob Kinder all das wirklich so wahrnehmen, wie wir es gerne hätten, ist fraglich. Das Portal natursoziologie.de publiziert regelmässig Ergebnisse von Umfragen. Einige der Zahlen machen deutlich, dass Naturerfahrung nicht einfach automatisch wunschgemäss ausfällt. So sagten beispielsweise in einer Umfrage nach einem Besuch in der Natur nur 42 Prozent der Kinder, es sei ein eindrucksvolles Erlebnis gewesen. Ein kleiner Teil empfand den Aufenthalt als negativ, aber fast die Hälfte der Kinder äusserte sich neutral, sozusagen unbeeindruckt. Das wiederum dürfte sicher damit zu tun haben, dass es im heutigen Zeitalter ganz allgemein schwieriger ist, Kinder zum Erstaunen zu bringen, der Level an täglichen Eindrücken und Erfahrungen ist ganz einfach höher als früher.

Verschiedene Studien zeigen zudem, dass Kinder und Jugendliche beim Stichwort Natur diese Werte betonten: saubere Umwelt, aufgeräumter Wald, unberührte Natur, Schönheit der Natur, Stille. Das sind sehr «erwachsene» Aussagen. Fachleute sprechen hier vom «Bambi-Syndrom»: Die Natur wird nicht als lebender Organismus, als Spiel- und Erlebnisort wahrgenommen, sondern als eine Art Museum. «Berühren verboten» gewissermassen. Ein Museum aber, selbst wenn es wunderschön und pädagogisch wertvoll gemacht ist, lebt nicht im Wortsinn der Natur. Es vermittelt Wissen, kann aber nicht aktiv «genutzt» werden (Ausnahmen wie Kindermuseen vorbehalten).

Möglicherweise hat der eigentlich ehrenhafte Versuch, die Umwelt in allen Belangen zu schützen, eben auch einen gegenteiligen Effekt. Kinder nehmen die gesame Natur als Naturschutzgebiet wahr, glauben, sie sei hilflos und müsse in Ruhe gelassen werden. Eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit ist kaum möglich, wenn man die Natur besichtigt, statt erlebt. Dabei zeigen wiederum Studien, dass eine Nähe zur Natur als Kind dazu führt, dass man später ökologischer handelt. Wer aber gewissermassen schon als Kind nur an den Schutz der Natur denkt, statt sie als Teil des Ganzen zu verstehen, hat einen zu abstrakten Begriff von ihr.

Wenig klare Belege

Auf der Suche nach weiteren positiven Effekten von mehr Nähe zur Natur fallen viele Begriffe: Verbesserung von Konzentrationsvermögen und Motorik, Stressabbau, Stärkung des Immunsystems und Robustheit, Erhöhung der Sozialkompetenz, Kreativität und so weiter. Es ist eines der wenigen Themen, bei denen es kaum jemanden gibt, der die Gegenposition einnehmen würde. Ob Eltern, Pädagogen oder Wissenschaftler: Sie alle sind überzeugt vom positiven Einfluss auf die Beziehung zur Natur. Längst nicht zu jeder angeblich positiven Auswirkung gibt es klare Belege in Form von Langzeitstudien und Statistiken, aber der Gesamteindruck bleibt.

Das ist alles natürlich nicht neu, und es hat unter anderem zum Aufkommen der Waldkindergärten geführt oder auch dazu, dass an Schulen ganz allgemein immer öfter mal ein Besuch im Wald ansteht. Hier liegt ein kleiner «Streitpunkt» versteckt. Während einige der Ansicht sind, ein Waldkindergarten müsse vor allem auch der Stärkung der Umweltbeziehung dienen, finden andere, die wichtigste Frage sei, wie fit für die Schule die Kinder danach sind. Dient die Natur als Vehikel, um Kinder schulfähiger zu machen oder sollen sie nebenbei schulfähig werden, während sie im Wald vor allem ganz andere Werte entwickeln?

 

(Erstellt von Stefan Millius)

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